Rosa Luxemburg - Im Lebensrausch, trotz alledem. by Annelies Laschitza
Author:Annelies Laschitza [Laschitza, Annelies]
Language: deu
Format: epub
ISBN: 9783746616483
Publisher: Aufbau Tb
Published: 1996-06-14T22:00:00+00:00
Daß ich dabei Nerven, Herz
und alle Depressionen vergesse
Am Sonntag, dem 14. August, war Rosa Luxemburg wieder in Berlin. Es hatte sie schon während der letzten Ferientage beunruhigt, daß auf die badischen Budgetbewilliger nur aus der Ferne geschimpft wurde. Den Leuten müßte man doch direkt auf ihrem eigenen Boden entgegentreten, dachte sie und folgte der Einladung von Adolf Geck, eines im Badischen angesehenen sozialdemokratischen Funktionärs der Bebelschen Generation. Am 21. August traf sie zum Abschluß des Parteitages der badischen Sozialdemokratie in Offenburg ein. Sie wohnte bei Marie und Adolf Geck. Bis zum 24. August sprach sie zum Thema »Sozialdemokratie, Budget und Monarchie« auf Versammlungen in Offenburg, Lahr, Durlach und Pforzheim. Die Organisation klappte sehr gut. Einige Wochen später wiederholte sie die Tour und trat vom 10. bis 12. September in Schopfheim, Karlsruhe, Lörrach und Mannheim auf. Bei Gecks fühlte sie sich sehr wohl. Sohn Brandel sei ihr großer Freund. »Adolf Geck sang mir jeden Tag ›Wer ein Liebchen hat gefunden‹ vor, als wir mit der Versammlung fertig waren. Das war das Versöhnende. Sie musizieren dort alle, freilich etwas zigeunerhaft. Eins von den Geckschen Mädchen ist eine vollkommene Schönheit, ich sehe es immer vor mir.«78 Gleichzeitig gab sie frank und frei zu, wie ihr vor dem Internationalen Sozialistenkongeß in Kopenhagen graute, »vor den Menschen, dem Trubel«, wie gewöhnlich nach anstrengenden Versammlungstouren sei ihr »von der Berührung mit der Masse fremder Menschen schlecht«79. In diesen Worten kam neben ihrer Eigenart, sich abzureagieren, ein besonderes Unbehagen zum Ausdruck. Die Auseinandersetzungen der letzten Monate hatten ihre Nerven bedenklich strapaziert. Sie begann zu zweifeln, daß sie in der Partei viel ändern könne. Im Frühjahr hatte sie mit Vorfreude auf die Herbsttagungen geschaut, jetzt verdrossen sie düstere Vorahnungen, wenn sie beobachtete, wie auf dem rechten und linken Flügel der Partei eine Sonderberatung nach der anderen ablief und die Linken vermutlich schon im Hintertreffen waren. In der Partei wurde jetzt zunehmend von den Revisionisten oder Reformisten als den Rechten und von den Revolutionären oder Radikalen als den Linken gesprochen. Marxisten wie Kautsky betrachteten sich als Mitte oder Zentrum und suchten zwischen vermeintlichen Extremen zu vermitteln.
Im Widerstreit mit den Genossen, die als Budgetbewilliger um die »Gleichberechtigung« im bürgerlichen Staate buhlten und zur gleichen Zeit vorgaben, im Kampf gegen Preußen mit Rosa Luxemburg einer Meinung zu sein, stellte sie klar: Wer Sozialdemokrat sein will, Kämpfer gegen die bestehende kapitalistische Gesellschaftsordnung, könne nicht aus der süddeutschen Kleinstaatperspektive gegen Preußen mit »allen erdenklichen Mitteln« kämpfen wollen und gleichzeitig der Monarchie des eigenen Bundesstaates seine Reverenz erweisen. Gegen das herrschende Regime müsse in allen seinen Institutionen gekämpft werden. Das Ausnutzen der bürgerlichen Gesetzlichkeit und der bundesstaatlichen Unterschiede dürfe nicht zum Aufgeben von Grundpositionen der Sozialdemokratie – des Antimonarchismus, des Antimilitarismus und des Antikapitalismus – führen. Stets müsse im Sinne des Gesamtprogramms der Partei opponiert werden. 80
Rosa Luxemburg erlebte in Baden eine kleine Generalprobe für den Magdeburger Parteitag. Einerseits stritt sie von Angesicht zu Angesicht mit maßgeblichen Vertretern der Budgetbewilliger wie Ludwig Frank, Mitglied der Landtagsfraktion. Andererseits wirkte sie gemeinsam mit Budgetbewilligungsgegnern für die
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